15. August: Maria und der Tag der Großen Mutter

Die Glut der August-Sonne gibt den Pflanzen ihre heilende Kraft. Die Hitze begünstigt die Bildung von ätherischen Ölen und anderen Wirkstoffen. In alten Zeiten sammelten vornehmlich Frauen jetzt die Heilpflanzen, die sie zur Gesunderhaltung von Haus und Hof für den nahenden Winter brauchten. Auch Zauberkräuter, die Blitz und Unglück abhalten, oder solche, die die Libido anregen, wurden mit in den August-Maien (Kräuterbuschen) getan und rituell der Göttin geweiht.  Dieser Ritus wurde von der Kirche beibehalten – als Kräuterweihe zu Mariä Himmelfahrt am 15. August. An diesem Tag beginnen die sogenannten Frauendreißiger. Mit dem Ende des Marienmonats am 15. September endet die Kräutersammelzeit (bis auf Beifuß, der noch bis November geerntet wird).

Kräuterbuschen segnen und trocknen

Genug der Theorie: Raus in den Garten, in die Natur: Kräuter sammeln. Tut es bitte mit Respekt und nie ohne die Pflanze um Erlaubnis zu fragen. Ihr könnt als „Tausch“ ein Haar opfern oder etwas anderes. Bitte denkt daran, dass die Insekten in den ausgeräumten Gärten und Feldern jede Blüte brauchen. Also nehmt nicht mehr, als ihr wirklich braucht. Es gibt Überlieferungen, nachdem die Anzahl der Kräuter einer magischen Zahl wie 7 oder 9 folgt. Da mag jeder selber hineinspüren. Auch welches Kraut dich ruft, liegt an dir: Johanniskraut, Schafgarbe, Arnika, Königskerze, Kamille, Wermut, Pfefferminze und Tausendgüldenkraut sind nur einige Kräuter. Glockenblume, Kümmel, Eberwurz, Bibernelle, Weinraute, Rosmarin sind weitere Beispiele. Die Kräuter werden zu einem Busch gebunden. Du kannst sie mit nach unten hängenden Blüten zum Trocknen aufgehängen, oder auf deinen Altar legen. Du kannst ein Gebet sprechen, singen oder du weihst die Kräuter am (Vollmond)Feuer. Spiritualität ist Kreativität in der Aktion! 
Ist der Kräuterbusch trocken, kannst du ihn zerreiben und vermischt mit Weihrauch oder einem anderen Harz zum Räuchern nutzen.

Maria und der Getreidemond

Maria Himmelfahrt ist ein Tag der Göttin.  Damit war im germanischen Sprachraum Freya gemeint, die Aphrodite des Nordens. Sicher hatte sie in den Alpen einen anderen (keltischen?) Namen, der von Region zu Region unterschiedlich klingen konnte. Maria, die Gottesmutter, war und ist ein wichtiger, ausgleichender Faktor des heiligen Weiblichen in der Männer dominierten katholischen Kirche.
Jenseits aller Religionen  geht es um uraltes Kräuter-Wissen. Die Glut der August-Sonne gibt den Pflanzen ihre heilende Kraft. Die Hitze begünstigt die Bildung von ätherischen Ölen und anderen Wirkstoffen. In alten Zeiten sammelten vornehmlich Frauen jetzt die Heilpflanzen, die sie zur Gesunderhaltung von Haus und Hof für den nahenden Winter brauchten. Auch Zauberkräuter, die Blitz und Unglück abhalten, oder solche, die die Libido anregen, wurden mit in den August-Maien (Kräuterbuschen) getan und rituell der Göttin geweiht.  Dieser Ritus wurde von der Kirche beibehalten – als Kräuterweihe zu Mariä Himmelfahrt am 15. August. An diesem Tag beginnen die sogenannten Frauendreißiger. Mit dem Ende des Marienmonats am 15. September endet die Kräutersammelzeit (bis auf Beifuß, der noch bis November geerntet wird).
In diesem Jahr fällt der Vollmond auf den 15. August. Es ist der Getreidemond und andere nennen ihn auch Roter Mond, Blitz- oder Donnermond. Der August ist der Monat der Erfüllung und des Überflusses. Eine besondere Schwingung liegt oft in der Luft. So als würden die Energien des Himmels und der Erde miteinander tanzen.
Ich habe dazu die Musik von Neil Young im Ohr: Harvest Moon.Die Marienverehrung geht in ihren Wurzeln weit zurück bis in die Verehrung der großen Göttin in den Steinzeit-Höhlen. Die schwarzen Madonnen in den europäischen Kathedralen des Hochmittelalters finden ihr Vorbild unter anderem im viel älteren ägyptischen Isis-Kult. Die Jungfrau Maria ist wohl das weibliche Gegenstück des ansonsten sehr männlich geprägten Gottesbegriffs in der katholischen Kirche.
Ausgerechnet zur Hoch-Zeit der Ritter(lichkeit) im Mittelalter erlebte die Verehrung der Maria einen Höhepunkt. In der Kirchenarchitektur folgte ihr (fast) unbemerkt eine wilde Gestalt, der die Blätter förmlich aus dem Mund zu wachsen schienen: der grüne Mann.
Die fernen Ursprünge dieses Archetypen liegen wahrscheinlich in den Religionen Alteuropas.
Der mehr als 2000 Jahre alte Kessel von Gundestrup (Dänemark) zeigt verschiedene Darstellungen des Gottes Cernunnos, darunter eine, auf der sein Haar aus Blättern gebildet wird.
Diese Blattgesichter tauchen dann überall in den gotischen Kathedralen auf, an Säulen, Fresken und Altären.
Als sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Musik und Kunst und Wissenschaft veränderten, kehrte die große Göttin auf vielfältige Weise zurück – unter anderem auch in der Doktrin der Himmelfahrt Mariä. Und auch der grüne Mann kehrte zurück und fand im Jugendstil  seinen künstlerischen Ausdruck.
Die Große Mutter (Magna Mater) ist Ausdruck der belebten Natur. Die „Materie“ jedoch war in der Neuzeit zum Forschungsgegenstand einer männlich dominieren Wissenschaft  geworden. Sie war nur noch Objekt, ohne eigenes Bewusstsein.
Dies kam erst mit einem neuen Wissenschaftszweig zurück – der Ökologie. Sie versucht den Blick auf die Zusammenhänge und natürlichen Kreisläufe zu lenken. Pflanzen, Tiere und Pilze leben in engen Beziehungen miteinander. Die lebendige Materie von Erde, Luft und Wasser wird der Gaia-Theorie zur Folge als ein Organismus gesehen. Gaia ist Mutter Erde – und wir sind nicht nur ihre Kinder, sondern auch die Hüter dieser Erde und unserer Mitgeschöpfe.
Das zeigt auch der grüne Mann: Die Blätter, die aus seinem Kopf wachsen, sind überlebenswichtig für uns alle. Das Blatt nimmt Sonnenlicht auf und in der chemischen Reaktion der Photosynthese wird Sauerstoff abgegeben. Der Kohlendioxid aus der Luft wird absorbiert und zusammen mit dem Wasser zu Zucker umgewandelt.
Unsere Heilkräuter bilden dazu noch ätherische Öle. Sie werden häufig in den Blättern produziert und im Pflanzen-Gewebe gespeichert. Kräuter haben aber nicht nur chemische Wirkstoffe. Sie sind eigene Persönlichkeiten mit ganz individuellem Charakter. Dies kannst du aber nicht durchs Lesen erfahren – Geh raus und sprich mit den Blumen, Bäumen und finde vor allem deine Heilkräuter.

Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen

Wie die Krankheiten mit Kräutern behandelt werden, dazu äußerte sich auch Hildegard von Bingen (1098-1179). Die Nonne und Klostergründerin hatte bereits einen ganzheitlichen Blick und bezog Pflanzen, Elemente, Bäume, Edelsteine, Tiere und Metalle in ihre Betrachtungen zur Heilung mit ein. Die Erkenntnis erhielt sie nicht nur über den Weg ihrer Visionen. Auch beruft sie sich in ihren Schilderungen auf althergebrachtes medizinisches Wissen sowie traditionelle und bewährte Anwendungen von Kräutern. In ihren Untersuchungen betrachtete Hildegard von Bingen etwa 200 Pflanzen, darunter unzählige Kräuter. Einige von ihnen werden heute noch verwendet und eine pharmakologische Wirksamkeit konnte bestätigt werden. Allerdings mahnt Hildegard von Bingen zur Vorsicht im Umgang mit Kräutern als Medizin. Speziell die Kräfte der Kräuter (u.a. ätherische Öle) könnten ins Gegenteil umschlagen und mit mehr Leid als Linderung einhergehen. In der richtigen Dosierung über eine gewisse Zeit eingenommen, können nach Hildegard von Bingens Ansicht ausgewählte Kräuter bei bestimmten Krankheiten helfen. Die Pflanzenheilkunde nach Hildegard von Bingen ist aber nicht nur auf Kräuter als Allheilmittel ausgelegt. Sie betont, dass für die allgemeine Gesundheit neben der richtigen Arznei auch Ernährung, gottesfürchtiges Verhalten, Fasten und Ausleitungsverfahren (Aderlass) entscheidend sind. Heute würden wir sagen: Bewusste, kohlenhydratarme Ernährung, Spiritualität (und Meditation), Fasten und Entgiften.
Die Bilder hier stammen aus dem Klostergarten an der St. Marienkapelle in Marienau („Maria an der Aue“) bei Hameln und zeigt den Grabstein der Gräfin Anna von Spiegelberg.
Mit den Klöstern gelangten mediterrane Kräuter und Nutzpflanzen nördlich der Alpen, die es vorher hier nicht gab. Andererseits verbot die Kirche den Gebrauch alter heimischer Heil- und Zauberpflanzen – und brandmarkte gleichzeitig die Kräuterkundigen Frauen als böse Hexen.

Sammle die Kräuter ganz bewusst.
Lege sie in den Wodka.
Fülle alles in ein Glasgefäß und lass es für 14 Tage (einen halben Mondzyklus) bei Zimmertemperatur ruhen.
Lege ein Papierhandtuch in ein Handsieb und seihe die Flüssigkeit mit den Kräutern hindurch in einen sauberen Glasbehälter mit Verschluss ab. Hält für Jahre.
– Natürlich kannst du mit den Kräutern nach eigenem Belieben verfahren und auch ganz andere nehmen. Das Wasser eignet sich zum Reinigen und Segnen.

Rezept für dein eigenes Blütenwasser

½ Tasse getrockneter Salbei
½ Tasse getrockneten Wacholder
½ Tasse getrocknetes Süßgras (Mariengras)
½ Tasse getrockneter Lavendel
6 Tassen qualitativ guten Wodkas

 

Lebensfreude auf der Alm gefunden

Bei einer Wanderung in Alpen habe ich 2006 ein Stück Lebensfreunde  zurückgewonnen.
 Es war der 15. August, und ich erinnere mich deshalb so genau daran, weil ich auf einer Alpenhütte ungeplant in eine kirchliche Kräuterweihe geraten war. Als heidnischer Protestant aus Norddeutschland sagte mir der Name „Maria Himmelfahrt“  für diesen Tag nichts. Doch die Szenerie mit dem Kräuterbuschen segnenden Pastor und seinem Messdiener auf 2131 Meter Höhe zog mich in ihren Bann. Dazu spielte die Musikkapelle und wir hätten fast das Grollen des nahenden Gewitters überhört. Schnell verfinsterte sich der Himmel über der Oberkaser-Alm. Pastor und Messdiener wurden in eine Transportbahn gesteckt und talwärts geschickt.
 Gäste und Kapelle retteten sich in die Hütte, wo nun ein feucht-fröhliches Treiben begann – während draußen Sturzfluten vom Himmel regneten. Wir saßen fest und der Wirt machte fleißig Umsatz. Die Musiker der Dorfkappelle Tirol spielten beinahe ohne Pause. 
An einem der Tische saß ein Mann mit Sorgenfalten im Gesicht. Das war ich, der seit fast zehn Jahren keinen Tropfen Alkohol getrunken hatte, und der einige Brüche im Leben  verarbeitete. Es war wie eine Erleuchtung: Nicht, dass ich zum „Trinker“ werden würde. Nein, aber ich beschloss an dem Tag, wieder mit Freude am Leben teilzunehmen und die Eremiten-Karte zur Seite zu legen. 
Der Himmel riss dann wieder auf. Es war zu spät, um sicher abzusteigen.  Aber nicht zu spät, um draußen das Schauspiel des aufgehenden Mondes zu beobachten. Wie Ziffern auf einer Uhr ragten rund um die Oberkaser-Hütte markante Felsspitzen empor. Da war mit klar: Die Kräuterweihe des Pastors auf der Oberkaser-Alm war nur der christliche Mantel über einer Jahrtausende alter Tradition.

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August 11th, 2021|