«Der Grüne Mann kommt zurück um zu warnen, aber auch um zu helfen. Er umfasst in seiner Person die Einheit, die zwischen der Menschheit und der Natur aufrechterhalten werden sollte. Er ist in sich ein Symbol der Hoffnung; er ist Ausdruck der Gewissheit, dass das Wissen der Menschen eine Allianz mit den instinktiven und emotionalen Kräften der Natur eingehen kann.»

(William Anderson, 1990, in: „Green Man. The Archetype of our Oneness with the Earth (Der Grüne Mann – ein Archetyp der Erdverbundenheit».

Ökologie: Die Symbiose aus Blatt und Kopf

Die Marienverehrung geht in ihren Wurzeln weit zurück bis in die Verehrung der großen Göttin in den Steinzeit-Höhlen. Die schwarzen Madonnen in den europäischen Kathedralen des Hochmittelalters finden ihr Vorbild unter anderem im viel älteren ägyptischen Isis-Kult. Die Jungfrau Maria ist wohl das weibliche Gegenstück des ansonsten sehr männlich geprägten Gottesbegriffs in der katholischen Kirche.
Ausgerechnet zur Hoch-Zeit der Ritter(lichkeit) im Mittelalter erlebte die Verehrung der Maria einen Höhepunkt. In der Kirchenarchitektur folgte ihr (fast) unbemerkt eine wilde Gestalt, der die Blätter förmlich aus dem Mund zu wachsen schienen: der grüne Mann.
Die fernen Ursprünge dieses Archetypen liegen wahrscheinlich in den Religionen Alteuropas.
Unlängst konnte ich im Nationalmuseum Kopenhagen den mehr als 2000 Jahre alten Kessel von Gundestrup bewundern. Der Silberkessel zeigt verschiedene Darstellungen des Gottes Cernunnos, darunter eine, auf der sein Haar aus Blättern gebildet wird.
Diese Blattgesichter tauchen überall in den gotischen Kathedralen auf, an Säulen, Fresken und Altären.
Als sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Musik und Kunst und Wissenschaft veränderten, kehrte die große Göttin auf vielfältige Weise zurück – unter anderem auch in der Doktrin der Himmelfahrt Mariä. Und auch der grüne Mann kehrte zurück und fand im Jugendstil  seinen künstlerischen Ausdruck.
Die große Mutter (Magna Mater) ist Ausdruck der belebten Natur. Die „Materie“ jedoch war in der Neuzeit zum Forschungsgegenstand einer männlich dominieren Wissenschaft  geworden. Sie war nur noch Objekt, ohne eigenes Bewusstsein.
Dies kam erst mit einem neuen Wissenschaftszweig zurück – der Ökologie. Sie versucht den Blick auf die Zusammenhänge und natürlichen Kreisläufe zu lenken. Pflanzen, Tiere und Pilze leben in engen Beziehungen miteinander. Die lebendige Materie von Erde, Luft und Wasser wird der Gaia-Theorie zur Folge als ein Organismus gesehen. Gaia ist Mutter Erde – und wir sind nicht nur ihre Kinder, sondern auch die Hüter dieser Erde und unserer Mitgeschöpfe.
Das zeigt auch der grüne Mann: Die Blätter, die aus seinem Kopf wachsen, sind überlebenswichtig für uns alle. Das Blatt nimmt Sonnenlicht auf und in der chemischen Reaktion der Photosynthese wird Sauerstoff abgegeben. Der Kohlendioxid aus der Luft wird absorbiert und zusammen mit dem Wasser zu Zucker umgewandelt.
Unsere Heilkräuter bilden dazu noch ätherische Öle. Sie werden häufig in den Blättern produziert und im Pflanzen-Gewebe gespeichert. Kräuter haben aber nicht nur chemische Wirkstoffe. Sie sind eigene Persönlichkeiten mit ganz individuellem Charakter. Dies kannst du aber nicht durchs Lesen erfahren – Geh raus und sprich mit den Blumen, Bäumen und finde vor allem deine Heilkräuter.

Der Wilde Mann ist vom frühen Mittelalter bis zum Beginn der Neuzeit im Volksglauben des germanischen und slawischen Sprachraums ein anthropomorphes Wesen. Er wurde als einzelgängerischer, mit Riesenkräften ausgestatteter, stark behaarter, nackter oder nur mit Moos oder Laub bekleideter Urmensch beschrieben oder dargestellt. Seine Lebensweise galt einerseits als halbtierisch und primitiv, andererseits aber auch als paradiesisch und naturverbunden. Für seinen bevorzugten Aufenthaltsort hielt man unbewohnte oder unbewohnbare Wald- und Berggebiete. In den Fachwerkhäusern findet sich der grüne Mann mitunter auch in seiner „wilden“ Variante. Der Wilde Mann (Mannfigur) bezeichnet eine Form des Strebenkreuzes an einem Ständer im Fachwerkbau.

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