Der gefesselte Mann: Mit ritterlichen Tugenden aus der Narzissmus-Falle

Er ist zum häufigen Archetyp der heutigen Zeit aufgestiegen: Der (männliche) Narzisst, den Selbstverliebtheit und übertriebene Ich-Bezogenheit kennzeichnen. „Eigenliebe ist der Beginn einer lebenslangen Romanze“, sagte schon der Narzisst Oscar Wilde. Die einsame Romanze mit sich selbst hat aber meistens kein Happy End. Der traurige Held ist an sich selbst gebunden und kommt darüber auch nicht hinaus. Schon in der griechischen Mythologie ist der begehrte Jüngling Narziss daran zugrunde gegangen, dass er als Mann die weibliche Liebe nicht erwidern konnte, sondern sich selbst – beziehungsweise sein Spiegelbild – zum Objekt seiner Liebe erwählt hatte.
Die Legende vom Ursprung des Narzissmus ist eng mit dem Wasser verbunden. In der vom römischen Dichter Ovid überlieferten Variante des Mythos hat der kleine Narziss keinen guten Start. Der Flussgott Kephissos hatte die Wassernymphe Leirope mit seinen mäandernden Armen umflossen, ihr Gewalt angetan und geschwängert, worauf Narziss geboren wurde. Einer Weissagung zufolge werde der Junge nur solange leben, wie er sich selbst nicht erkennt. Die verängstigte Mutter umhegt und verhätschelt den Jungen aufgrund von Weissagungen. Narziss wächst heran, groß, schön und begehrt. Vom trotzigem Stolz auf seine eigene Schönheit erfüllt, weist er jedoch all seine Verehrer und Verehrerinnen herzlos zurück. Diese Kränkung widerfuhr auch der Bergnymphe Echo. Sie verzehrt sich voller Liebe und stirbt alleine. Ihr klagender Ruf ist noch heute als Widerhall zu hören. Einem seiner Verehrer, Ameinias, lässt Narziss ein Schwert zukommen, mit dem sich dieser schließlich das Leben nimmt – nicht aber ohne vorher die Götter anzurufen. Die hören seine Bitte und strafen Narziss mit unstillbarer Selbstliebe: Als er sich in einer Wasserquelle sieht, verliebt er sich in sein eigenes Spiegelbild ohne zu erkennen, dass er sich selbst sieht. Ovid erzählt weiter: Er verzehrt sich und verschmachtet vor seinem Ebenbild bis zum Tod. Seine letzten Worte wiederholte Echo: „Ach, du hoffnungslos geliebter Knabe, lebe wohl!“ An der Stelle seines Leichnams erblühte später eine Blume: die Narzisse.
Über narzisstische Persönlichkeitsstörungen ist viel geschrieben worden. Es existieren Kriterienkataloge anhand derer jeder schauen kann, welchen Grad an Narzissmus vorliegen könnte. Meine Theorie dazu ist, das im Grunde jedem von uns eine kleine Prise Narzissmus inne wohnt. Zum Problem wird die Selbstverliebtheit erst, wenn dadurch dauerhaft und wiederholt Partner und  andere Mitmenschen zu leiden haben. Es scheint darüber hinaus auch ein Unterschied zu sein, ob du ein narzisstischer Bäcker oder US-Präsident bin – zumindest bei dem Schaden, den du anrichten kannst. Fallbeispiele von Psychologen zeigen außerdem, dass sich meistens auch nicht die Narzissten bei ihnen melden, sondern aufgrund des großen Leidensdrucks die Partner und andere Angehörige.
So stehen denn mangelnde Empathie, überzogenes Selbstwertgefühl und fehlende Selbsttransparenz sowie eine übergroße Erwartungshaltung ganz oben auf der Kriterienliste. Narziss erkennt sich nicht selber in dem Spiegelbild im Wasser. Dabei gehört die Selbsterkenntnis zu den Zielen, nach denen wir aufgefordert sind zu streben. „Erkenne dich selbst“ stand bereits über dem Eingangstor zum Tempel in Delphi geschrieben. So gesehen sagt der Mythos: Der Narzisst in uns stirbt, wenn wir uns selber erkennen. Sehr lesenswert in diesem Zusammenhang ist das Buch „Männlicher Narzissmus – Das Drama der Liebe, die um sich kreist“ von Raphael M. Bonelli (Kösel-Verlag, München, 2016).
Mir sagt das Buch auch deshalb zu, weil Autor Bonelli zu einem Schluss kommt, der genau daran anknüpft, was ich auch in meinem zurückliegenden Rundbrief propagiert habe: die Tugenden der Ritterlichkeit. Sie bestehen in einem gerechten, rücksichtsvollen und höflich-zuvorkommenden Handeln gegenüber dem physisch schwächeren, schützenswerten Geschlecht. Auch der Gralsritter Parzival wächst ohne Vater mit einer Helikoptermutter auf. Als Ritter entpuppt er sich zunächst als närrischer Tölpel. Doch der verwöhnte Egomane Parzival reift und kann die narzisstischen Fesseln abstreifen. Ritterlichkeit bedeutet kultivierte Männlichkeit, die und in die Freiheit führt. Bei Parzival endet sie sogar auf dem Königsthron.

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