Die Routinen brechen hält wach und lebendig

Kurz vor Monatsende werden wieder die Uhren umgestellt. Am 28. März 2021 können wir nachts die Uhren von 2 Uhr auf 3 Uhr vorstellen. Einfache Regel: Spring (Frühling) – die Uhr vor-stellen; Fall (Herbst) – sie zurück-stellen. Vielen ist die Zeitumstellung seit Jahren ein Graus. Wann sie abgeschafft wird – wie beschlossen – ist ungewiss.
Ich muss gestehen, dass ich ein absoluter Befürworter der jetzigen Situation bin. Im Sommer lange hell und im Winter wird es zumindest morgens hell. Würden wir die Sommerzeit als Normalzeit einführen, würde es dagegen nicht vor 9 Uhr hell. Im Westen Spaniens, wo auch die Mitteleuropäisches Zeit gilt, sogar erst weit nach 10 Uhr. Würden wir auf die „Normalzeit“ zurückgehen, würden wir bei den langen Sommerabenden eine Stunde früher im Dunklen sitzen.

Anscheinend sorgt die zweimalige Umstellung der Zeit massiv für schlechte Laune bis hin zu Depressionen. Der Körperrhythmus würde aus dem Takt kommen, sagen die Kritiker. Die Zeitumstellung alleine kann dies wohl nicht verursachen. Arbeitsbelastungen, Straßenverkehr, Termindruck: Dies sind alles Faktoren, unter denen Menschen zu leiden haben.
Meine toltekischen Lehrer in Mexiko ermahnten uns immer wieder die Routinen zu brechen. Gehe ich immer rechts aus dem Haus zur Arbeit, gehe ich nun mal linksherum. Ich weiß, wir sind Ritualkinder, und schon Kleinigkeiten können unser Harmonie-Gefühl trüben. Neulich wurde im Ortskern ein neuer Altglas-Container aufgestellt. Vorher war die Reihenfolge der Einwürfe von links Braunglas, Grünglas, Weißglas. Nun war das Fach für weißes Glas auf einmal  in der Mitte. Ich brauchte einige Zeit, um nicht routinemäßig die Flaschen und Gläser in die falsche Öffnung zu werfen. Wer mag, kann sich diesen Spaß mal zuhause gönnen: Nehmt das Besteckfach und tauscht einmal – umangekündigt – die Position von Löffel, Gabel und Messer.
Wozu das alles, werden sich einige fragen. Die Routinen zu brechen, hält uns wach und lebendig. Die Zeit rauscht an uns vorbei, wie ein Pfeil. Sie treibt uns voran in die Zukunft und für viele fühlt es sich so an, als wenn diese Zeituhr immer schneller tickt.
Die Zeit rinnt uns förmlich durch die Finger — wie die Körner in der Sanduhr. Unaufhaltsam. Irgendwann ist die Uhr dann für jeden von uns abgelaufen. Letztendlich ist dies der Preis für unser Sein in diesen Körpern. Die Sterblichkeit lädt uns ein, jeden Tag zu umarmen und zu feiern – wie es das Auferstehungsfest Ostern vormacht.
Es gibt nämlich noch eine andere Zeit, die Zeit der Zyklen, der Jahreszeiten, der Zeremonien. Diese Zeit verläuft in ewigen Kreisen: von Vollmond zu Vollmond, von Jahr zu Jahr, vom Tod zur Wiedergeburt.
Die Sandkörner im Uhrglas sind gar nicht verloren. Wer schon mal in der Sauna war, weiß, dass der nächste Gast die Sanduhr an der Wand umdreht und die Zeit rieselt von neuem dahin.
Es gibt also zwei verschiedene Arten der Zeit. Ich könnte auch von der Quantität und der Qualität der Zeit sprechen. Wie spät ist es? Die Antwort darauf ist die Quantität, wieviel Minuten vor oder nach welcher Stunde haben wir, an welchem Tag, in welches Jahr?
Die Qualität der Zeit beschreibt auch mein Gefühl der vergangenen Jahre, dass die Zeit scheinbar immer schneller dahinrennt. Dann mit Corona plötzlich der Einbruch. Das zurückliegende Jahr zieht sich endlos in die Länge. Noch nie kam mir die Zeit so lange vor, wie jetzt in Corona-Zeiten.
Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen die Dinge, wie wir sind.
Eine Qualität der Zeit ist auch, ob wir uns leicht durch die Welt bewegen oder ob uns das Gepäck schwer im Nacken sitzt. Gut vorbereitet sein auf Veränderungen heißt Gepäck ablegen und  die Geschwindigkeit im Leben drosseln. So bist du viel eher in der Lage, auf neue Herausforderungen zu regaieren und neue Wege einzuschlagen. Das Gepäck steht hier buchstäblich für die Lasten, die sich über die Zeit angesammelt haben aus Emotionen, Verwundungen und unseren Handlungen. Wer sich seinen Themen und Schatten stellt, findet in der zyklischen Zeit der Zeremonien und Meditationen die Antworten auf seine Fragen.
Zur guten Vorbereitung gehört auch auf seinen Körper zu achten, ihn gut zu nähren, Bewegung zu schenken und das Leben als Geschenk zu anzunehmen. Wir sind alle hier, um diese körperliche Erfahrung zu machen.
Im Sternzeichen des Widders beginnt das neue Leben. Dies spiegelt auch unsere ersten 7 Lebensjahre wieder. Waren wir willkommen im Leben? Kennen und können wir unsere Wurzeln spüren? Verwundungen aus diesem Lebensabschnitt tragen wir lange mit uns. In der Natur folgt dann die Zeit des größten Wachstums. Sie ist dem Sternzeichen Stier (21. April-21. Mai) zugeordet und dem 7.-14. Lebensjahr. Auch hier können wir wählen: Weiter wachsen oder im kindlichen Verhalten steckenbleiben. Hier braucht es Mentoren und Rituale, die uns auf die weitere Reise vorbereiten. Und es braucht Dich und Dein Ja weiterzugehen.
Das Foto stammt aus dem Sonnenobservatorium in Goseck /Sachsen-Anhalt

Beitrag teilen