Ob ich einen Lieblingsbaum habe? Sicher, ich mag alle Bäume und doch einen ganz besonders – jetzt im Sommer und auch im Winter: Die Linde. Die Linde wirkt zart und ist doch sehr standfest. Sie zählt zu den ältesten Bäumen bei uns. Es heißt, sie wachsen 300 Jahre, stehen 300 Jahre und vergehen 300 Jahre. Diese alten, knorrigen, manchmal schon hohlen Gr0ßmütter ziehen uns besonders in ihren Bann. Zuletzt hatte ich auf dem sagenumwobenen Odilienberg (Elsass) in der ausgehöhlten Klosterlinde gestanden und die Engel haben dabei gesungen. Auf der Rückfahrt wurde ich zur 1000jährigen Linde in Upstedt bei Hildesheim geführt. Schon zu Pfingsten folgten wir bei Lügde der Wanderkarte, auf der eine besondere Eiche ausgeschildert war – und landeten bei der uralten Wittekind-Linde in Elbrinxen. Im Winter stand ich alleine unter der verschneiten 1000jährigen Kaiser-Lothar-Linde in Königslutter. Wer den grazilen Damen wohl immer solche martialischen Männernamen gegeben hat …?
“Am Brunnen vor dem Thore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt’ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.”

Noch vor wenigen Tagen stand die Linde vor unserem Haus in voller Blüte und unzählige Bienen stimmten darin ein einziges Konzert an: Es ist Sommer. Der Summton der Biene erzeugt in uns ein Gefühl von großer Beruhigung und des Friedens. Der errechnete Frequenzbereich liegt bei dem der Sonne (254 Hertz). Die gesammelten und getrockneten Lindenblüten speichern diese Sonnenenergie und geben sie uns wieder, wenn wir im Winter daraus einen Tee aufgießen. Lindenblütentee beruhigt außerdem die Nerven. Aus Lindenblüten lassen sich außerdem Duftöle herstellen, die Herzenswunden heilen. Das Blatt der Linde ist herzförmig und auch der ganze Baum hat die Form eines Herzens.
Die Linde vor unserem Haus stammt von der über 30 Meter hohen Sommerlinde in der Ortsmitte, sie ist ein Baby davon sozusagen. Am früheren Gasthaus Zur Linde steht der Mutterbaum. Dieser ist einer der größten Linden Norddeutschlands. Und auch unsere Linde ist längst kein kleines Bäumchen mehr.
Dies sind die Momente, in denen ich mir wünsche, ich könnte in sagen wir 400 Jahren noch einmal in meinem Garten sitzen – unter dem Lindenbaum.
Linden werden sehr alt. Die Gerichtslinde in Großgoltern bei Hannover wurde wohl Mitte des 12. Jahrhunderts gepflanzt. Unter ihrer mächtigen Krone durften die Kontrahenten auf ein “lindes” Urteil.
Die Linde war der erste Baum, der nach der Eiszeit ganze Wälder bedeckte. Brauch war es später, dass auf jedem Hof eine Linde gepflanzt wurde. In Berlin ließ Kurfürst Friedrich Wilhelm 1647 den Reitweg vom Stadtschloss in den Tiergarten bepflanzen, die berühmte Straße “Unter den Linden”. Noch heute ist Berlin eine echte Lindenstadt. Aber auch zahllose andere Städte in Deutschland tragen die Linde in ihrem Namen: Lindau, Leipzig (vom altslawischen lub für lieblich) und Linden (Stadtteil von Hannover).

Unter und in den großen Dorflinden wurden Gestelle errichtet, auf denen getanzt und Hochzeit gefeiert wurde. Diese Tanzlinden waren oft über Jahrhunderte der Mittelpunkt dörflicher Feste und Bräuche.
Alte Linden werden langsam hohl, doch ihr unbändiger Lebenswille hält sie vital. Dadurch dass sie hohl werden, bekommen sie sogar mehr Stabilität im Alter. In meiner Geburtsgemeinde steht im kleinen Ortsteil Ibsingen eine Linde, von der erzählt wird, dass in den Jahren um 1812 sich in dem schon damals hohlen Stamm ein Schneider verborgen hielt, der den französischen Truppen Napoleons nicht in die Hände fallen wollte.
Aus den Bastfasern der Rinde lassen sich feine Schnüre bis hin zu dicken Seilen herstellen, sogar Kleider wurden daraus gemacht. Gletschermann Ötzi trug Schuhe, die innen aus Lindenbast geflochten waren. Die Holzbildhauer des Mittelalters schnitzten ihre Marienfiguren am liebsten aus dem weichen Lindenholz.
Der Lindwurm ist sprachlich gesehen ein “weicher Wurm” und mit ihm wurde ein Drache ohne Flügel bezeichnet.
Der Drachentöter Siegfried badete im Blut des Lindwurms und wurde dadurch unverwundbar: Doch der Sage nach war ein Lindenblatt auf den Rücken zwischen seine Schulterblätter gefallen und dies machte ihn dort verwundbar, wo sein Herz nicht im Reinen war: Mit seiner Liebe zu Krimhild und Brunhild. Wiedersacher Hagen konnte ihn so hinterrücks ermorden. Das Linden blatt zeigt, dass wir als menschen verwundbar sind, dort, wowir es eigentlich verbergen möchten.

 

 

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