Ohne Gestern und ohne Morgen
Ergibt das Heute keinen Sinn
Pierre-Jakez Hélias

Sie heißen Ambeth, Worbeth und Wilbeth: Die drei Beten sind mir schon vor einigen Jahren begegnet, als ich mich mit Mythen und Sagen der Alpen beschäftigt hatte. Nun bin ich ihnen bei einer Reise zwischen Harz und Vogesen wieder begegnet, dreimal sozusagen. Die drei Steinzeit-Göttinnnen tragen heute einen christlichen Mantel über ihren heidnischen Schultern – und ein Schleier des Vergessenwerdens liegt über ihrem Antlitz.

Auf einer Fahrt durch Deutschland und das angrenzende Elsass (Frankreich) bin ich den Bethen an drei verschiedenen Orten begegnet. Ich lade dich nun ein, mir auf den Spuren zu den steinzeitlichen Wurzeln der „3 Jungfrauen“ zu folgen.
„Lasset uns beten“, fordert der Pastor seine Gemeinde in der Kirche auf und alle versinken in innere Einkehr und Andacht. Mit dem Verb „beten“ bezeichnen wir eine zentrale Glaubenspraxis. Wer denkt dabei nicht an die zusammengefalteten „betenden Hände“ in der berühmten Zeichnung Albrecht Dürers (1471-1528). Natürlich kommt beten von bitten, meinen wir zumindest. In seinem Gespräch mit Gott bittet der gläubige Mensch um Gnade, Gesundheit und vieles mehr. Das Zwiegespräch mit Gott hatte jedoch ursprünglich einen anderen Adressaten – besser gesagt 3, und die kommen als Frauengestalten daher. Die Spur der Schicksalsgöttinnen reicht bis tief bis in die Steinzeit. Der Kult der 3 Bethen wurde immer wieder verboten und hat doch überlebt: in zahlreichen Sagen, Ortsnamen und im Wort „beten“ selbst.

1. Etappe: Worbet und die Stadt Worms

Wegen der Nibelungen-Festspiele ist eine Hälfte des Doms St. Peter in Worms abgesperrt.
Es ist heiß und schwül draußen an diesem Sonntag. Innen empfängt mich wohltuende Kühle. Eines der Fenster im Dom leuchtet in der Nachmittagssonne. Die bemalten Buntgläser zeigen Szenen der Nibelungensage: Siegfried ist überall hier. Doch wo sind die 3 Bethen? Ich biege in die seitlich angrenzende Nikolauskapelle und da stehen er, fast lebensgroß und in Stein verewigt – der Dreijungfrauenstein aus dem 15. Jahrhundert. Die darauf in Stein gemeißelten, gekrönten Frauen sind Prinzessinnen. Sie tragen je ein Buch und einen Palmwedel in den Händen. Es soll sich laut Inschrift um die drei burgundischen Königstöchter „S. Eimbede, S. Warbede“ und „S. Willebede“ handeln, die einem Angriff der wilden Hunnen unter ihrem Anführer Attila zum Opfer gefallen sein sollen.
Ich hole mir ein Teelicht und werfe 50 Cent in den Opferstock. Die Kerze brennt und ich spreche, äh bete, zu den Frauen, die mir stolz und schön von dem Steinrelief entgegenblicken. Es sei ihr Schoß, höre ich eine Stimme sagen: Der Tempel, das Haus der Göttin, die in verschiedenen Formen der Dreiheit erscheint und das den Namen „Beth“ trägt. Es sind die verschiedenen Attribute der Göttin, die sich in ihren Namen ausdrücken. Erde, Mond und Sonne stehen mir gegenüber. Gestern, heute, morgen – vor meinem inneren Auge erscheinen Steinzeithöhlen, heilige Quellen und Priesterinnen.
Sie tauchen im Märchen von “Schneeweißchen und Rosenrot” auf: die weiße, die rote und auch die Mutter, die als schwarze Göttin erscheint. Es sind die Geburt, das Leben und der Tod; der zunehmende, der volle und der abnehmende Mond. Dreiheiten wie diese ließen sich noch sehr viele finden. Sie zeigen sich auch in den drei schamanischen Welten: der unteren Welt des Unbewussten, der mittleren Welt der vermeintlichen Alltags-Realität und der Oberwelt, die uns das Überwusste zeigt. Diese (feminine) Dreiheit verbindet sich auf der Erde mit der (maskulinen) Vierheit des Manifesten: Die vier Elemente und die vier Himmelsrichtungen sind nur zwei Beispiele dazu.

Je mehr als 100 Ortsnamen allein in Frankreich und Deutschland gehen auf die Bethen zurück – darunter auch Worms, dass zur Zeit der Römer noch B(W)orbetomagus hieß. Den Christen passte nicht, dass die Leute an dem Kult der Bethen festhielten, vor allem viele Frauen. Sie bereiteten weiter Speisen und Getränke, legten auch Besteck für die Bethen hin, die Glück uns Segen ins Haus bringen sollten. Bischof Burchard von Worms (gest. 1024) ließ bei der Beichte nach der Verehrung der drei Schwestern nachfragen, die er den römischen Parzen gleichstellte: „Hast du geglaubt, wie es manche tun pflegen, dass jene, die im Volk Parzen genannt werden, existieren oder imstande sind, das zu vermögen: über das Schicksal eines Neugeborenen zu bestimmen … Hast du, so wie es manche Frauen zu bestimmten Zeiten des Jahres zu tun pflegen, in deinem Haus einen Tisch gedeckt mit Speise und Trank, und drei Messer hingelegt, damit die drei Schwestern, die herkommen und althergebrachte Torheit Parzen nennen, sich daran erquicken können?“

Worms liegt am Rhein. Der Dom liegt auf einer überflutungssicheren Anhöhe. In der Siegfriedsage bestimmen nur scheinbar die Männer die Geschicke der Burgunder. Das Lied vom Rosengarten zu Worms ist ein Versepos aus dem 13. Jahrhundert, in der Kriemhild die Hüterin eines Rosengartens ist, der von 12 Helden bewacht wird. Siegfried, der Held der Nibelungensage, ist nur einer von ihnen. Kriemhild wird als sehr schön, edel und selbstbewusst beschrieben. Sie erzählt ihrer Mutter Ute davon, dass sie niemals die Bindung mit einem Mann eingehen werde, da dies schon vielen Frauen Leid gebracht habe.

Der Rosengarten ist heute ein Ortsteil der Stadt Lampertheim auf der anderen Rheinseite. Der mittlerweile begradigte Strom, hatte sich einst wild und frei durch die rheinische Tiefebene geschlängelt. Der Rosengarten war ein heiliger Bezirk, ein Roter Garten. Vor der Stadt Worms lag auch ein vorgeschichtliches Gräberfeld mit einem enormen Grabhügel, der als „Siegfrieds Grab“ bezeichnet wird.

2. Etappe: die dreiäugige Göttin auf dem Odilienberg

Die Fahrt geht von Worms linksrheinisch weiter, die Weinstraße entlang in die Rheinebene bis nach Straßburg. Von dort sind es nur noch wenige Kilometer bis zu einem der erstaunlichsten Ort der europäischen Frühgeschichte: dem Odilienberg – Mt. Saint Odilie. Allein schon die wundersamen Geschichten rund um die merowingische Prinzessin und spätere Äbtissin Odilia sind Gegenstand zahlreicher Legenden. Das Kloster ist heute Wallfahrtsort und wegen der Heilquelle unterhalb des Klosterplateaus kommen Menschen von weit her.Weitaus faszinierender ist für mich jedoch die 11 Kilometer lange, Heidenmauer genannte Megalithanlage, die sich über das gesamte Plateau mit 3 Gipfeln hinzieht. Das erstaunliche daran: Die heute an einigen Stellen noch 2-3 Meter hohe Mauer bildet insgesamt 3 geschlossene, sich berührende Kreise. Wieder ist es die Dreiheit, die hier auf die 3 Bethen verweist. Einer der mächtigen Felsen entlang der Heidenmauer heißt Nikolausfelsen. Der gleiche Nikolaus, der uns schon im Wormser Dom begegnet ist. Der Heilige wird oft mit 3 goldenen Äpfeln gezeigt und scheint die 3 Bethen verdrängt zu haben.

Auf dem Odilienberg begegnet mir zunächst Wilbeth. In den zahlreichen Aushöhlungen (Schalen- oder Becherteinen) stelle ich mir Wasser vor. Darin konnten die Priesterinnen im Dunkel der Nacht den Wiederschein der Sterne verfolgen. Die frühen AstronomInnen konnten so auch Zeitreisen unternehmen. In Wilbeth erkenne ich das englische Wort „wheel“ für Rad und damit auch für Zeit. Als Rad kann auch das Wort Chakra übersetzt werden. Der Odilienberg ist mit Sicherheit ein bedeutendes Chakra für die gesamte Landschaft dort.

Wer entlang der Heidenmauer geht, fühlt sich wie auf einer Visionswanderung. Die Heilige Odilia ist der Schlüssel zum Verstehen der Symbolik, die uns hier viele Tausend Jahre zurückführt. Es ist die Zeit des „Bärenfluges und der Rosenfrauen“, wie die Autorin Petra von Cronenburg in ihrem vielbeachteten Buch Geheimnis Odilienberg (Verlag Eugen Diederichs, 1998) schreibt. Der jungfräuliche (weiße) und der erotische (rote) Aspekt der Göttin dürfen nicht getrennt werden. Unter der Obhut der schwarzen und weisen Alten (Odilia) können sie nur gemeinsam den Sonnenheld erwecken und Neues in die Welt bringen. Im Märchen ist dies der Bär, der aus der winterlichen Höhle in die Frühlingssonne tritt. Im Himmel ist der große Bär das markanteste Sternbild, das sich das ganze Jahr über sichtbar um den Himmelspol dreht.
Der Odilienberg ist auch eine Wetterstation. Mondgöttinnen gehen oft mit Blitz- und Donner-Gottheiten einher. Bei den Inka im alten Peru wurde der Donner- und Regengott Illapa mit dem Sternzeichen Großer Bär gleichgesetzt. In der linken Hand trägt er eine Keule, die er in den kosmischen Fluss der Milchstraße schleudern kann, damit es auf der Erde regnet.
Zuckend jagen die Blitze wie Feuer vom Himmel (Oberwelt) und dringen in die Erde (Unterwelt) ein. Eine kosmische Energie, die sich gerade im August gerne entlädt und auch als himmlische Hochzeit bezeichnet werden könnte.
Der Lichtpfeil des Sonnenhelden trifft auf die Erde – die Kräfte des Himmels und der Erde vereinen sich. Schlangen- und Drachenfiguren finden sich oft an den Sockeln mittelalterlicher Kathedralen und Kirchen, so auch in der Abteikirche auf dem Odilienberg. Die Baumeister wussten um die Entladungskräfte bestimmter Steine.

 

3. Etappe: Ambeth und die Bodensteiner Klippen im Ambergau

Die letzten Meter bis zur Sofaklippe führen über in den Fels gehauene Stufen und einen Weg der, der sich schlangenförmig durch den Fels windet. Das obere Ende des „Sofas“ ist deutlich als Schlangen- oder Drachenkopf erkennbar. Der Sitzplatz im Hainberg bei Bodenfels am nördlichen Harzvorland ist wohl mehr als nur eine Steinbank. Schon der Weg dorthin ist ein kleines Abenteuer. Der Borkenkäfer und die Klimaveränderung haben hier deutliche Spuren im Wald mit seinen Kahlflächen hinterlassen. Zudem ist der Weg zu diesem Heiligtum sehr schlecht ausgeschildert und so klingele ich schließlich an der Pforte eines mitten im Wald stehenden Hauses. Ein Förster? Ein Eremit? Hundegebell ertönt und ein freundlicher älterer Herr kommt an das schulterhohe Tor. Der sagenhafte Felsen, so stellt sich heraus, liegt gleich hinter – oder besser oberhalb seines Walddomizils. Der Felsen ist nur einer von mehreren markanten Sandsteinfelsen, die als Bodensteiner Klippen bekannt sind. Doch nur die Sofaklippe trägt so eindeutig menschliche Spuren.
Ausgangspunkt meiner Wanderung ist das 2,5 Kilometer entfernte Jägerhaus. Dort befindet sich eine Grotte mit Darstellungen der Hubertuslegende. Der Patron der Jäger wird heute oft in Verbindung mit einem kapitalen Hirsch gezeigt, der ein Kreuz zwischen den Geweihenden trägt. Ursprünglich verbarg sich dahinter der keltischen Gott Cernunos und statt des Kreuzes prangte die Sonne im Geweih. Ob sich hinter dem Lichtbringer-Gott einst auch eine Frau verbarg?

Auf dem nur wenige Kilometer entfernten Vöppstedter Friedhof in Salzgitter steht ein rätselhafter Grabstein aus dem 16. Jahrhundert mit dem eingemeißelten Hubertus-Hirsch – und einer wohlproportionierten Frau im Geweih, wo sonst das Kreuz steht. Pachamama, denke ich bei ihrem Anblick. Die Erdmutter mag dem Land zwischen Harz und Hildesheim ihren Namen gegeben haben: Ambergau. Die dritte der Bethen ist Ambeth. Hier am Harz gibt es auffällig viele Ortsnamen mit „Bode(n)“. Ist der Boden nicht letztlich der Erdboden, auf dem wir unsere Früchte anbauen, der Mutter-Boden, auf dem wir stehen und in dem wir unsere Wurzeln spüren. Es gibt hier aber auch Flüsse wie die Kalte und die Warme Bode, die beide am Brockenmassiv im Harz entspringen.

In der Silbe Bo steckt darüber hinaus eine Bezeichnung der Kuh, wie sie zwischen Irland und Indien zu finden ist. Die Kuh als Ernährerin auf der Erde und Spenderin des kosmischen Milchflusses, der sich nachts über den Himmel erstreckt. Neben der „Bo“ finden sich im Ambergau weitere schöne Beispiele für das Vorhandensein der Erdmutter. Dazu gehören der Ort Betheln bei Gronau (Leine), Holle (Kreis Hildesheim) und das Flüsschen Nette. Als Neter und Neteru wurden in Ägypten Götter und Göttinnen bezeichnet.
Ich brauche nur die Vokale zu ändern und es liest sich wie Natur, unsere große Mutter.
Der Ambergau war Ursprung und Heimat des Stammes der Cherusker. Diese Cherusker lebten um die Zeitenwende und waren auch als Hirschleute bekannt.
Ambeth wurde bei den Christen zu Anna, der vermeintlichen Großmutter Jesu. Als „Anna selbdritt“ wird in der katholischen Kirche die Dreiheit aus Anna, Maria und dem Jesuskind bezeichnet. Ambeth, Werbet und Wilbeth lassen grüßen.

Wieder zuhause in Bad Münder lasse ich die Eindrücke Revue passieren. Bethen, Jungfrauen, Steine und Quellen … Da war doch was? Vor einigen Jahren wurde vor den Toren der Kurstadt der Grundriss einer mittelalterlichen St.-Annen-Kirche freigelegt. Sie und die damals dort sprudelnde Quelle waren Ziel von Heilsuchenden, die von weit her an diesen Ort am Fuße des Deister-Mittelgebirges zogen. In einem alten Buch der Sagenkunde findet ich noch eine weitere Spur: Es ist die Sage der drei weißen Jungfrauen, die sich hier jungen Wanderern meist nur flüchtig zeigen: „Nur ein langer Nebelschweif zeigte noch die Stelle, wo sie gestanden hatten.“

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