Zwei Flüsse bewegen deinen Körper, vier Hufe deine Seele.



Das Glück dieser Erde liegt sprichwörtlich auf dem Rücken der Pferde: Dieser Moment des Glücks ist unbeschreiblich, wenn Pferd und Reiter eins werden. Es ist pures Glück, dass sich nicht mit anderen Sport- und Freizeitaktivitäten vergleichen lässt.
Die Geschichte von Mensch und Pferd, von Jäger und Fluchttier beginnt in den weiten Steppen Eurasiens. Pferde begleiten uns schon seit Tausenden von Jahren. Der neue Begleiter revolutioniert Transport, Handel, Landwirtschaft und vor allem die Kriegsführung. Wie alles losgeht, ist heute schwer zu sagen. Pferde tauchen schon an den Höhlenwänden Südfrankreichs und Spaniens auf.
 2014 kann ich selber solch eine Höhle in Südspanien besichtigen. Die Cueva de la Pileta („Höhle von La Pileta“) nahe der Stadt Ronda im Süden Andalusiens wird von etwa 10- bis 20.000 Jahre alten Höhlenmalereien geschmückt, darunter auch Pferde. Eines erinnert mich an eine tragende Stute, als ich mit der Taschenlampe im Bauch der Erde auf die Felswand leuchte.

Wir wissen nicht, ob sie damals nur Jagdbeute sind. Pferde sind sehr freiheitsliebend und nur schwer zu zähmen. Sind Männer oder Frauen die die ersten Reiter? – auch das ist nicht bekannt. Die Nomaden in den Steppen werden oft von mächtigen Schamaninnen geführt. Das Amazonenherr ist vermutlich nicht nur eine Legende. Dennoch haben vor allem die männlichen Kriegerreiter einen Fußabdruck auf der Erde hinterlassen, der kaum mehr wegzuradieren ist. Die Bedeutung des Pferdes bei der Eroberung und Besiedlung der Welt kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Bald 4/5 der Erdbevölkerung spricht oder versteht heute eine der indogermanischen Sprachen, wie englisch, spanisch, französisch oder deutsch. Die frühen Indogermanen haben die Reitkunst von ihren benachbarten Turk-Völkern gelernt, als sie aus den Steppen Asiens nach Westen und dann um die ganze Welt drängen.
Die Domestizierung der Pferde geht mit der Ausbreitung der Kupfer-Schmiedekunst vor 4-5000 Jahren, einher. Vom Altai-Gebirge (Goldgebirge) an der Grenze zur Mongolei bis zum Erzgebirge in Deutschland zieht sich ein weiter Streifen offenen Landes entlang des 50. Breitengrades, dem seit Tausenden von Jahren immer wieder Kriegerhorden nach Westen folgen.
 Zu Anfang werden die Nomaden die Pferde zum Ziehen ihres Hab und Guts verwendet haben. Dabei wird dem Zugtier ein Halfter über den Hals gelegt und daran werden links und recht die Zeltstangen gehängt, die das Tier dann hinter sich herschleift. Dieser Schlitten kann dann mit den Alten, Kindern, Töpfen und Decken beladen werden. Odin, der nordische Gott, hat ein achtbeiniges Pferd, das Sleipnir heißt: der Schleifner.
Die nordischen Mythen sind reich an Pferden. Sleipnir soll von Gestaltwandler Loki geboren sein, der dafür weibliche Formen angenommen hat. Diese Seelen-Pferde verbinden ihre Besitzer mit ihrem höheren Selbst. Mit ihnen können die Reiter in andere Welten reisen – entlang des Weltenbaumes Yggdrasil. Yggr heißt der Schreckliche und ist einer der vielen Beinamen von Odin. Drasil ist ein altes, nordisches Wort für das Pferd. Auch der Schamane „reitet“ mit seiner Trommel entlang des Weltenbaumes, der Achse, die die Welten verbindet, wie auch die Mittelstange der Jurte, die das Zeltdach trägt. Das Pferd ist dabei Kraft und Inspiration in einem. “Fliegende Pferde” tauchen in zahlreichen Mythologien auf. Ob bei den Stämmen Zentralasiens oder den Indoeuropäischen Reitern: Das Pferd gilt vielen Völkern als heiliges Tier.
Von Sleipnir stammt der Legende nach auch Grani ab, das Pferd Siegfrieds (Sigurd) in der Nibelungensage. Der Schimmel begleitet den Drachentöter auf seinen Abenteuern. Grani („Der Bärtige“) besitzt wunderbare Eigenschaften wie Stärke und Klugheit. Er springt auch durch den Flammenkreis, die Waberlohe, und hilft Siegfried damit die von ihm angebetete Brünhild zu erobern.
Die nordische Rune Ehwaz wird geschrieben wie ein “M”, steht für das E und bedeutet Pferd (Lateinisch Equus). Die Rune steht für die körperliche Kraft. Sie ist die verlängerte Kraft des Mannes wie es auch das Pferd für den Reiter ist. Das Pferd verleiht den Reiterkriegern eine besondere Macht. Es  symbolisiert auch die Brücke, die uns mit der Welt der Götter verbindet. Die Schamanen können aus den Bewegungen und dem Wiehern der Pferde die Zeichen der Bestimmung „lesen“.
Der Mensch zähmt das Pferd und bringt es dazu ihn zu tragen. Und was macht der Mensch mit diesem Geschenk? Von Sibirien bis Patagonien reiten die Krieger, vernichten große Länder und erschaffen neue Reiche. Die Reiter werden zu Ritter, die Caballeros stellen ab dem Mittelalter die Adelsklasse, die noch heute in den europäischen Staaten hinter den Kulissen vielfach  den Ton angibt. In Spanien werden die Araber vertrieben – ihre Pferde bleiben.  Die eingekreuzten Araber-Vollblutpferde geben den nordischen Rassen einen ganz neuen  Charakter – Vollblut eben.
Von Spanien stechen ab Ende des 15. Jahrhunderts auch die Männer um Hernán Cortes und Francisco Pizarro in See und erobern ganze Weltreiche auf dem Kontinent, den Christoph Columbus für Indien hält. Azteken, Mayas und Inka fallen den jeweils nur wenige Hundert Mann starken Truppen zum Opfer. Die wenigen Pferde, die sie mitbringen, sorgen ebenso wie die „rauchenden Stäbe“ – ihre Gewehre – für Entsetzen. Viren und Hunger tun dann ein Übriges und raffen die alten Hochkulturen hinweg. Eine Handvoll Hidalgos erschafft ein Weltreich, in dem die Sonne nie untergeht. Ohne Pferde wäre dies nicht möglich gewesen.
Einige Tiere können in die Wildnis Mexikos entfliehen. Diese Mustangs geraten dann an Männer, die nie Pferde gesehen haben und nun doch damit umgehen, als ob sie nie etwas anderes getan haben. Die Prärieindianer werden erst mit dem Pferd zu den Apachen, Sioux und Comanchen, wie wir sie kennen.  Zuvor ziehen sie in kleinen Gruppen umher. Hunde sind die einzigen Lasttiere, die sie haben. Nun können sie große Gebiete überwinden und das Bild des Indianers prägen, das wir uns von ihm heute machen. Die besondere Beliebtheit dieser edlen Krieger im deutschsprachigen Raum geht sicher auf die Fantasie eines Mannes zurück, der nie in Amerika gewesen ist: Karl May. Doch wenn Jungen (und Mädchen) Cowboy und Indianer spielen, entscheiden sich die meisten für die Indianer, weil sie eine Wunschvorstellung des edlen Wilden verkörpern. Wer will nicht wie Winnetou sein getragen von Iltschi („Wind“) seinem Pferd. Pferde ziehen auch die Wagen der Siedler in den Wilden Westen. Kuhbarone zäunen das Land ein. Kuhjungs (Cowboys) treiben mit ihren Pferden die Rinder zu den Bahnstationen und Schlachthöfen.
Neben dem Militär dienen Pferde vor allem in der Landwirtschaft. Auf dem Bauernhof, auf dem ich aufwachse, werden erst Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts die Pferde endgültig vom Traktor abgelöst. Mein Urgroßvater Adolf dient Anfang des 20. Jahrhunderts noch bei den Kaiserlichen Husaren in Lüneburg. Als sein älterer Bruder unerwartet stirbt, muss er den elterlichen Hof bei Celle übernehmen. Für die Kavallerie hat er aber weiterhin einige Stuten eingestallt. Einmal im Jahr kommen die Deckhengste ins Dorf. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, sitzt Adolf wieder im Sattel, erst im Baltikum, dann in Frankreich. Nach der Kapitulation Deutschlands 1918 reiten er und seine Einheit geordnet zurück an den Rhein. Dann werden sie mit den Worten „nun seht zu wie ihr nach Hause kommt“ entlassen. Stute Fanny trägt ihn zurück vom Rhein bis in die Südheide. Sein treues Pferd hat noch einige Jahre gelebt und das Gnadenbrot auf dem Hof bekommen.
Wie sehr die Familie mit Pferden verbunden ist, verdeutlicht diese Anekdote. Als mein Onkel Herbert das erste Mal zu Weihnachten in der Kirche das Krippenspiel sieht, fragt Opa Adolf ihn hinterher auf plattdeutsch, was sie dort gesungen haben. „De hät gesungen, einem ist nen Perd weggelopen,“ antwortet Jung-Herbert: Ein Pferd ist also entlaufen beim Krippenspiel, denn der Chor hat doch gesungen: „Es ist ein Ros entsprungen“. Der Junge, der zur der Zeit gar kein hochdeutsch spricht, weiß nicht, dass mit dem Text gar kein Ross gemeint war, sondern wirklich eine Rose.
 Viele Jahre später sitzt Herbert in der Schrotkammer seines eigegen Hofes und weint leise in sich hinein. Peter und Rex, die letzten beiden Pferde, sind verkauft – eine lange, über unzähliche Generationen dauernde Zeit der Partnerschaft geht zuende. Nur wenige Jahre später verlassen auch Schweine und Kühe den Hof. Onkel Herbert ist kein Bauer mehr.
Ihre Freiheit müssen die Bauern zu jeder Zeit teuer bezahlen. Als die die Römer vor 2000 Jahren bis an Weser und Elbe vordringen, müssen die eroberten Völker  ihre Söhne als Geiseln hergeben. So ergeht es nördlich des Harzes auch Segimer, Stammesfürst der Cherusker. Seine Söhne Arminius (Der Blauäugige) und Flavus (Der Blonde) werden mit neun Jahren den Römern übergeben. Sie machen Karriere in den Legionen Roms. Zumindest Arminius dreht später den Spieß um und vernichtet als Hermann der Cherusker drei römische Legionen unter dem Kommando des Statthalters Varus. Ihren Nachkommen, den Westfalen und Niedersachsen wird eine besondere Beziehung zu Pferden nachgesagt. Zwei gekreuzte Pferdeköpfe schücken die noch heute die Giebel zahlreicher alter Bauernhäuser.
Das Bild des mittelalterlichen Reiterkriegers wird vermutlich von den Sarmaten geprägt. Die iranischen Nomaden siedeln nördlich des Schwarzen Meeres. Bis dorthin reicht der lange Arm des römischen Reiches. Auch sie müssen ihre Sölhne als  Geiseln ausliefern. Diese Sarmatischen Reiter werden dann am entgegengesetzten Ende des römischen Reichs eingesetzt. Sie sollen die Grenze Britanniens nach Norden gegen die wilden Pikten und Scoten schützen. Als das Imperium im 5. Jahrhundert in sich zusammenfällt, nimmt ein römisch-britischer Offizier das Heft in die Hand und kämpft mit seinen ehemals sarmatischen Reitern gegen die aus dem heutigen Norddeutschland und Dänemark einfallenden Angeln und Sachsen. Ist dieser Britte historisches Vorbild für König Artus? Aufgeschrieben werden die Abenteuer der Artus-Ritter erst im Hochmittelalter gut 600 Jahre später.
Bei einer Heilzeremonie für einen sehr guten Freund taucht das Bild eines Ritters auf. Mein Freund erkennt diesen für ihn verloren gegangenen Seelenanteil sofort. Schon als Kind fühlt er sich mit diesem Ritter besonders verbunden. Sein Name: Ivanhoe, der als Buch und Film bis in sein Kinderzimmer vorgedrungen ist. In jedem Mann steckt auch ein Ritter: Nicht unbedingt der Raufbold und Wegelagerer. Es geht um besondere Tugenden der Ritterlichkeit, wie dem Kampf gegen die eigenen Schatten, den Schutz der Schwachen und der Suche nach der inneren Wahrheit.
Ritter sind im Wortsinne natürlich Reiter. Der Begriff taucht erst im Mittelalter ab dem 12. Jahrhundert auf. Die schwerbewaffneten Reiter werden mehr und mehr kriegsentscheidend. Sie leisten der zunehmenden Teilung der Gesellschaft weiter Vorschub. Um sich Pferd, Ausrüstung und einen Knappen leisten zu können, muss der Ritter seinen Dienst gegen Sold verrichten oder selbst über Landbesitz verfügen. Die ehedem freien Bauern rutschen in dieser Zeit immer mehr in die Leibeigenschaft ab. Diese Entwicklung wäre ein eigenes Kapitel wert. Ich möchte dennoch hier das romantisierte Bild des Reiterkrieges nachzeichnen, der einem höheren Ideal dient.

Diese Bild kann in der Geschichte eigentlich nicht lange bestehen. Schnell werden die ursprünglich ehrenvollen Ritterkämpfe zu Turnieren, die der Fußball-Bundesliga ähneln mit Favoriten und Titelverteidigern. Raubritter treiben noch dazu ihr Unwesen. Der Habsburger Kaiser Maximilian I. (1459 bis 1519) gilt als „der letzte Ritter“.
 Die Tugenden der Ritter haben indes überlebt. Sie sind keine Erfindung des Mittelalters. Es ist eine Wiedergeburt, ausgelöst durch die Rückkehr der Tempelritter aus dem „Heiligen Land“. Für einen kurzen Moment der Geschichte ist der Ritter mehr als nur ein mordender Räuber. Die „hohe Minne“ wie sie Walther von der Vogelweide besingt, ist ritterlicher Ausdruck für Agape – die göttliche, bedingungslose Liebe.

Die Pferde sind unsere Lehrmeister
Die Schamanen Zentralasiens haben die Bewegungen der Pferde genau studiert. Daraus ist eine besondere Musik, sind Tänze entstanden, die die Attribute des Pferdes verkörpern: Bewegungsdrang, Schnelligkeit, Ausdauer, Kraft, Anmut, Eleganz, Schönheit, Treue, Wildheit und Freiheit sind nur einige davon. Dazu noch der warme und weiche Duft des Fells – die göttliche Schöpferkraft ist hier mit allen Sinnen wahrnehmbar.
Im Januar 2013 führe ich eine Reisegruppe nach Chile. Höhepunkt der spirituellen Reise ist eine mehrtägige Tour zu Pferde in die Hochanden. Mein Pferd heißt Barroso, ein weiß gescheckter Wallach und die Gauchos nennen ihn  „Lodoso“, weil er so „Muddy“ aussieht, als ob er gerade aus dem Schlammbad kommt. Wir bekommen nur eine grobe Einführung, Helme gibt es nicht. Von der Hazienda aus geht es gleich steil bergauf. Wir reiten Schritttempo „im Gänsemarsch“, und ich träume mich in die Landschaft hinein. Plötzlich scheut mein Pferd, knickt ein und ich reagiere total daneben, so als ob sich ein Beifahrer auf dem Motorrad in der Kurve auf die falsche Seite neigt. Es schmeißt mich aus dem Sattel, mein rechter Fuß bleibt im Steigbügel hängen, der hier eher wie ein großer Schuh aussieht. Das Pferd scheut nun erst recht und schleift mich einige Meter neben sich her – bis endlich Melanie, die vor mir reitet, mein Pferd an den Zügeln zu fassen bekommt. Dann kommt auch schon Diego, einer der jungen Pferdeführer angeritten und bringt Baroso ganz zum Stehen. Alle sind total aufgeregt, doch bis auf eine kleine Schramme am Knie ist mir nichts passiert. Ich bin scheinbar Beispiel für alle, nicht zu träumen. Der kleine Unfall ist der erste und letzte bei der Tour.

Die schönsten Momente dort für mich sind gar nicht unbedingt die zu Pferde. Morgens quäle ich mich als einer der ersten aus dem Zelt, um den Gauchos dabei zu helfen, die Reitpferde und Packmulis wieder einzufangen, die nachts frei auf den Hochflächen grasen. Nie werde ich die Kulisse der schneebedeckten 6000er-Berge der Anden und der Pferde vergessen, die sich im glasklaren Wasser der Gebirgsseen spiegeln.
In der Zeit der Corona-Pandemie kommen die Pferde in Form eines Gutscheins über Reitunterricht wieder zu mir. Nach erstem Zögern bin ich schnell Feuer und Flamme. Tierwohl geht vor, die Pferde müssen bewegt werden – Corona hin oder her. Nun lerne ich erstmals richtig, wie ich mich mit einem Pferd bewege. Wenn Schulpferd Fee und ich beim Traben in Trance kommen schweben wir gemeinsam über den Sandboden des Platzes. Die Anweisungen der Trainerin Birgit erklingen wie ein Singsang, der aus der Ferne zu uns dringt. Doch dann poltert ein Auto mit Anhänger durch die Schlaglöcher der Straße, die zum Wald hinauf führt. Die schreckhafte Fee bockt auf, doch ich halte mich im Sattel. “Gut reagiert”, höre ich die Lehrerin rufen. Sanft klopfe ich den Hals den Pferdes: “Alles ist gut Fee, nichts ist passiert.”
Seit den ersten Reitstunden kommen immer mehr Situationen mit Pferden in mein Leben. Zuletzt ist es Vanessa, die mich einlädt einmal mit ihren Isländern zu meditieren. Ich nehme mir einen Stuhl und setze mich in die Mitte des Paddocks. Nach und nach kommen die Stuten zu mir, beschnüffeln mich neugierig. Zuletzt ist es nur noch eine, die ganz nah sein möchte, es liebt, wenn ich sie unter dem Kiefer am Hals kraule. Es ist Ljossadis (Lichtfee), wie ich später erfahre. Bei ihr habe ich die Augen geschlossen und in der Meditation reisen wir nun gemeinsam, und ich höre zu. Es geht um die beiden Gehirnhälften in meinem Kopf. Ich spüre, wie Funken von der linken Gehirnhälfte zur rechten Körperseite springen und umgekehrt. Diesen Impuls nehme ich auf  und folge dem Rat des Tierwesens, indem ich bewusst diese Balance in mir spüre.
Beide Gehirnhälften des Menschen sind über die sogenannte Brücke (Balken) verbunden: Diese Brücke kann den Austausch von Informationen hemmen oder fördern. Die linke, rationale  Gehirnhälfte informiert die rechte, maskuline Körperseite und die rechte, intuitive Gehirnregion ist mit der linken, femininen Körperseite in Kontakt. Bei Stress übernimmt eine Hirnhälfte und schaltet auf einen Modus, der das Überleben sichert. Beide Gehirnhälften kommunizieren dann nicht richtig, wie in einer stressigen Partnerschaft. Wir können dann zu rational und auch zu emotional handeln. Es kommt zu Fehlinterpretationen. Das Pferd wirft mich ab. Dieses Bild von vor acht Jahren habe ich plötzlich vor meinen Augen. Und nun verstehe ich die Botschaft der Meditation.  Überkreuzbewegungen und das Überqueren der Körpermittellinie unterstützen die bessere Integration der Hirnfunktionen. Ein reges Hin und Her über die Brücke sorgt dafür, dass die Informationen immer rascher und sicherer durchgeleitet werden. Ich verliere keine Zeit damit zu denken, was war und was sein wird. So wie auch das Pferd nicht an das Gestern denkt und auch nicht an das was sein könnte. Jetzt läuft es diesen Weg und da braucht es alle Sinne beisammen. Der Mensch fühlt sich dem Tier überlegen: Ich denke, also bin ich. Das Pferde hält uns dagegen: Ich bin, der ich bin.

Traurige Ritter und der Kampf gegen Windmühlen
“Er setzte seinen Weg fort, ohne einen anderen einzuschlagen als jenen, den sein Pferd zu nehmen beliebte, meinte er doch, dass gerade darin das Wesen des Abenteuers liege.” – aus: “Don Quijote” von Miguel de Servantes Saavedra

Die Bezeichnung Krieger hat etwas irreführendes in sich, besonders dann, wenn er auch noch „leuchten“ soll. Dieser Leuchtende Krieger kämpft nicht im Äußeren. Er nimmt den Kampf gegen die inneren Schatten und Dämonen an. Das ist die wahre Kriegernatur – alles andere sind Söldner und Soldaten. Sie kämpfen für einen Sache, die gar nicht die ihre ist. Doch das Ideal des Kriegers, oft beschworen in der spirituellen Szene, ist ein hehres Ziel. Das Bild hängt sehr hoch und ist nur schwer zu erreichen. Gerade in der Zeit der Corona-Pandemie, wo der Feind hinter jeder Ecke zu lauern scheint, möchten wir all zu gerne das Schwert ziehen und in den Kampf reiten.
Die Landschaft der Mancha in Spanien ist Heimat von Don Quijote, bekannt als “Ritter von der traurigen Gestalt”. Er steht für den Narren in uns, aber auch auch für Kampf gegen die neue Zeit (Windmühlen) und gegen das Ende der romantischen Ritterlichkeit. Wofür er aber auch steht, ist ein Mann im Kampf gegen das Ende der Ritterlichkeit.
Viele von uns fühlen sich heute  ebenfalls orientierungslos und überfordert. In einer Welt, in der die alte, überkommene Ordnung zusammenbricht, fehlt es an Orientierung. Aus meiner Praxis weiß ich, dass sich überall auf der Welt Frauen ihrer Kraft und Schönheit bewusst werden. Es ist Zeit, dass auch wir uns erinnern und die Fesseln der Selbstidealisierung und Fremdabwertung abstreifen. Ritter sind deshalb auch Vorbilder.
Die Welt ist im Wandel und auch wir spüren die Veränderungen nicht nur um uns herum, sondern auch in uns selbst. Tragen wir nicht diese Konflikte in uns aus, die sich auch in der Außenwelt zeigen, oder umgekehrt?! 
„Wie kommt es, dass ich mich selbst nicht kenne?“ Die Antwort findet sich bereits im Parzival-Mythos. Dieser Ritter geht auf die Gralssuche, hat aber nicht gelernt, sein eigenes Sein zu hinterfragen.
Die Pferde ziehen heute bei uns keine Lasten und tragen auch keine Soldaten mehr. Mehr als 70 Prozent der Freizeitreiter sind Frauen. Die Amazonen haben wieder das Heft des Handelns übernommen. Sie haben oft noch eine besondere Gabe das Wesen des Pferdes zu verstehen. Bei einem Besuch in Island vor sechs Jahre haben wir eine Reitstunde genommen, um auch einmal mit diesen besonderen Pferden dort Kontakt zu haben. Die Halterein lässt uns einige Strandwege auf- und abreiten. Zurück in der Reithalle am Stadtrand von Reykjavik erzählt sie uns von ihrer eigentlichen Vision. Sie arbeitet mit jungen Behinderten zusammen. Manche Kinder sind so schwer gehandicapt, dass nicht einmal von alleine auf den Islandpferden sitzen können. Dafür gibt es  spezielle Halterungen, erklärt uns die Frau. Die Kinder schöpfen schnell Vertrauen und genießen den heilsamen Körperkontakt. Woher sie weiß, was und wie sie mit den behinderten Kindern arbeiten soll?, fragen wir die Züchterin. Sie habe selbst einen schwer behinderten Sohn gehabt, der mit 18 Jahren gerstorben ist, antwortet sie. “Er ist aber immer noch da und erzählt mir, was ich machen soll”, sagt die gestandene Reitlehrerin. Im selben Moment dringt ein lauter Knall aus einem der Schränke im Stall, so als ob ein Eimer heruntergefallen ist. Der Junge ist die ganze Zeit mit uns gewesen – er ist Vorbild für die Ritter der neuen Zeit. (Text und Fotos: Michael Hemme)

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